Von iPhones und Waschmaschinen

Oft wurde ich gefragt, warum ich denn ein iPhone hätte. Es sei doch im Preis Leistungsverhältnis wesentlich schlechter als andere Geräte. Allerdings kommt es bei der Kaufentscheidung in den allermeisten Fällen darauf an, welchen Zweck das Gerät erfüllen soll. Als normal sehender würde ich vielleicht auch auf ein Android- oder Windows-Phone umsteigen, weil die Platform mehr Auswahl und niedrigere Preise bieten. Doch was nützt es mir als Mensch mit Sehbehinderung, wenn ich in einer Stadt stehe, den Weg nicht genau kenne und sich meine Navi-App einfach nicht starten lässt oder ständig abstürzt. Wenn Sie dann mal geht, kann ich trotzdem nicht erkennen wo ich bin, weil die Schrift zu klein ist. Ich könnte zwar Passanten fragen, allerdings ist eine Auskunft wie “Dort drüben müssen Sie hin.” keine präzise Richtungsangabe und hilft mir in der Regel nicht sehr weiter.
Wenn ich mich in einer (fremden) Stadt in Gebieten bewege, in denen ich nicht oft bin, ist die Karten-App immer am Mann. Mant lernt die Vorzüge einer genauen vergrößerbaren Kartenbeschriftung und einer zuverlässigen GPS Navigation mit Blickrichtungsanzeige zu schätzen, wenn man Straßenschilder erst lesen kann, wenn man wirklich erst direkt davor steht.

Auch an Bushaltestellen an denen die Schrift des Plans so klein ist, dass man sie selbst mit einer Lupe nicht entziffern könnte (von der seltsamen Situation mit einer Lupe am Busfahrplan zu stehen mal abgesehen) oder es schlichtweg zu dunkel ist, hilft das iPhone weiter. Ich öffne meinen DBNavigator und kann per Systemweiter Zoom-Funktion (Drei-Finger-Doppel-Tap) alles so vergrößern, dass ich die Abfahrtszeit des Busses mühelos ablesen kann. Gerade hier in Mainz sind zwar die Pläne und die Ausstattung mit blendfreien digitalen Anzeigen durchaus gut. Wenn man aber nicht die Möglichkeit hat aus der Ferne einen Blick auf die Haltestellenanzeige zu werfen, sondern erst hin gehen muss, macht sich eine vorherige Abfrage der nächsten Abfahrtszeiten per App insbesondere zeitlich bezahlt.

Generell ist das Zusammenspiel von iPhone und dem benutzen von öffentlichen Verkehrsmitteln in meiner Situation wichtiger denn je. Oft genug kommt es vor, dass ich an einem Bahnhof umsteigen muss, an dem ich entweder noch nie war oder nicht oft bin. Dann macht ein im Vorfeld (oder während der Zugfahrt, wenn sich die Verbindung aufgrund von Verspätungen ändert) gründlich studierter Haltestellenplan gleich mal 5-15 Minuten Zeitersparnis aus. Denn anders als ein normal sehender, muss ich unmittelbar zu jeder Haltestellenbeschreibung gehen, um zu wissen ob ich hier auch wirklich hin muss. Wenn ich vor Ort wenig wege gehen möchte, ist Vorbereitung für mich das A und O.

Auch beim Einkaufen oder in einer Bar/Restaurant macht sich das Smartphone bezahlt. Kleine Schrift einfach fotografieren und schon kann man die Zutatenliste oder die Speisekarte bequem vergrößern und muss sie sich nicht von jemandem vorlesen lassen. Über die spezielle Problematik mit den Speisekarten habe ich in einem älteren Beitrag schon einmal berichtet.

Auch wenn bei mir die “Not” nicht so groß ist, dass ich VoiceOver als Screenreader benutzen muss um mein iPhone bedienen zu können, macht es bei mir die Schriftgröße und die Zeichnung (Fett oder nicht Fett) der Schrift aus. Hier gibt es in iOS eine weitestgehend systemweite Anpassung der Schriftgröße. In den Einstellungen lässt sich die Größe von bestimmten Textbausteinen einmal auswählen und zusätzlich die Schriftzeichnugn auf “Fett” einstellen. Jede App kann die Einstellung der Größe einsehen und diese verwenden. Die Standart Apps wie z.B. Nachrichten, Kalender und Mail machen das alles in allem schon ganz gut. Dennoch gibt es z.B. bei der Kontaktverwaltung noch Verbesserungsbedarf. Beispielsweise könnten die Labels (Mobil, Festnetz etc.) im Adressbuch auch anhand der Größeneinstellung dargestellt werden.

Eine Sache über die ich mich in diesem Zusammenhang schon seit mehreren iOS Generationen ärgere, weil Sie wirklich nicht besonders aufwändig ist: Die Schriftgröße in den Beschreibungstexten des AppStores! Hier kann man es nach so langer zeit wirklich erwarten, dass sich die AppStore-App an der Schriftgröße in den Systemeinstellungen bedient und zumindest die Beschreibungstexte in großen Lettern darstellt. Das ist aber leider auch in der Umstellung auf iOS7 nicht passiert. So ist das durchstöbern des AppStores unnötig umständlich. Andere Apps wie z.B. die TV-Zeitschrift ONair macht das besser. Die Beschreibungstexte erscheinen hier in angenehm großer Schrift. Ein Lesegenuss ohne viel nach Links und Rechts zu scrollen.

Gerade das Mobile Surfen ist mit Safari denkbar einfach. Zwar sind die Bedienelemente in iOS7 durch ihre starke Stilisierung nicht ganz mühelos unterscheidbar, allerdings braucht man diese beim Surfen sowieso eher selten. Viel wichtiger ist die Tatsache, dass die Zoom-Funktion des Browser Pfeil schnell arbeitet. Ärgerlich ist das nur dann, wenn mobile Angebote das Zoomen unterdrücken, aber keine Schriftenvergrößerung anbieten. Hier hilft dann erstmal der sog. “Reader-Modus”. Dieser greift auf die Schriftgrößeneinstellung des System zurück und stellt den eigentlichen Inhalt der Seite in großer Schrift ohne Firlefanz an den Seiten da. Handelt es sich allerdings um Foren oder Darstellungen die nicht in Fließtext verfasst sind muss ich auf den Systemweiten Drei-Finger-Zoom zurückgreifen. Bei langen Texten ist das hin und her scrollen zwar lästig, aber dennoch besser, als wenn man die Information überhaupt nicht hätte.
Auch bei diversen Nachrichtenseiten vermisse ich die Barrierefreiheit. Spiegel-Online macht das meiner Meinung nach vorbildlich. Einstellbare Schriftgrößen wohin man schaut. Daumen hoch!

Das es immernoch kleinere, aber nervige und eigentlich unnötige, Baustellen bei der Barrierefreiheit für Sehbehinderte in iOS gibt, darf nicht darüber hinweg täuschen, dass Apps wie Mail, Safari (Reader Modus) oder WhatsApp, aber auch Internetseiten wie Spiegel-Online außerordentlich weit bei diesem Thema sind. An dieser Stelle möchte ich nochmal ausdrücklich betonen, dass Android in Sachen Barrierefreiheit zwar Schritte nach vorne macht bzw. gemacht hat, aber mit iOS bei weitem noch nicht mithalten kann. Mehr zu diesem Thema lässt sich u.a. bei Marco Zehe nachlesen.

Gerade im Vergleich zur Pre-iPhone-Zeit ist es für Menschen in meiner oder ähnlicher Situation ein mehr an Lebensqualität. Man kann seinen Hirnschmalz für andere Sachen als den Busfahrplan benutzen, weil man ihn sich nicht merken muss. Man muss seine Heimatstadt nicht durch verlaufen erkunden und dabei viel Zeit sparen, sondern kann bevor man falsch abbiegen könnte auf die Karte schauen. Alles in allem gibt mir mein iPhone in gewissen Teilen des Alltags ein mehr an Freiheit und Selbstbestimmung. Gerade wenn man andere Menschen mal nicht um Hilfe bitten muss oder man nicht verloren am Bahnhof steht, weil man nicht weis wo genau jetzt der Bus abfährt, gibt mir das ein Gefühl von Sicherheit. Mein iPhone ist für mich ein Helfer im Alltag. Etwas das mir Zeit und Nerven spart. Genau wie eine Waschmachine. Wer wäre dafür nicht bereit etwas mehr auszugeben?

3 Gedanken zu „Von iPhones und Waschmaschinen

  1. Danke für die Info. Ich denke generell unterstützenalle Smartphones bei Einschränkungen aller Art.

    Bislang galt für mich da auch Apple als Marktführer. Habe jetzt mal die Hilfen in Android aktiviert und die stellen auch genau das da was du für IOS beschreibst. Hat du da Erfahrungen gesammelt?

    • Ich hatte das eine oder andere mal Android Geräte von Freunden in der Hand und habe etwas damit herumgespielt. Habe auch die Einstellungen durchforscht um solche Funktionen zu finden. Leider habe ich da nichts der gleichen gesichtet.
      Ich kann mir vorstellen, dass das von Gerät zu Gerät sehr unterschiedlich ist welche Funktionen aktiviert werden können und welche nicht. Außerdem gibt es bei Android das bekannte Problem, dass Updates nur sehr langsam (wenn überhaupt) zu den Geräten durchdringen und ich deshalb immer ältere Systeme unter den Fingern hatte.

      Ich bin da aber gerne bereit neues zu erfahren 🙂

  2. Ich nutze Android 4.3 in der Originalform. Ist also bei aktuellen Geräten in der Grundausstattung alles dabei. Ob das früher schon so war, kann ich natürlich nicht sagen.

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