Eine Schmähschrift zum Betreuungsgeld

Immer wieder dieses verdammte Betreuungsgeld. Was denkt sich die bayerische kleine Schwesterpartei (mir widerstrebt es sie so zu nennen) der CDU nur dabei, das Betreuungsgeld durch boxen zu wollen? Natürlich, in Bayern wohnen die Menschen, die genau so denken: Frau bleibt daheim und kümmert sich um die Kinder. Wie in guten alten Zeiten. Und sicherlich braucht Horst Seehofer auch mal wieder ein Thema mit dem er den Bayern vor der herauf ziehenden Wahl beweisen kann, dass er auch in Berlin ein paar Lederhosen an hat. Aber muss es denn ausgerechnet das Betreuungsgeld sein?

Bei diesem Thema geht es um fundamentale Weichenstellungen in der Erziehungs-, Bildungs- und Familienpolitik und da möchte ich das Ruder nicht irgendwelchen (mit Verlaub) Holzköpfen überlassen, die ohnehin nur 7% der Abgeordneten im deutschen Bundestag stellen. Das ist fast schon wie bei der FDP. Mit wenig stimmen, wollen sie viel mitreden. Aber dieses verschwindende Phänomen der Liberalen steht auf einem ganz anderen Blatt.

Bei der gesamten Diskussion spielen die Opportunitätskosten bei der Kinderbetreuung eine große Rolle: Einkommensverlust, Effekt auf die Renten, Sicherheit im Job und Kosten der Kinderbetreuung. Beim Einkommensverlust setzt das Elterngeld an. Es versucht den Einkommensverlust etwas abzufedern. Bei der Sicherheit im Job hat sich mit der Elternzeit auch etwas getan. Durch das Beantragen von Elternzeit kann man in den meisten Fällen danach wieder direkt in den Job einsteigen. Was den Effekt auf die Rente angeht, wurde auch nachgebessert. Eltern können sich die Kindererziehungszeit auf ihre Renten anrechnen lassen.

Bei den Kosten der Kinderbetreuung wird es allerdings interessant. Zum einen gehen viele Frauen in Deutschland geringfügig bezahlten Beschäftigungen nach und zum anderen erhalten sie für diese einen geringeren Lohn als ihn Männer für die gleiche Tätigkeit erhalten würden. Im Jahr 2010 lag der unbereinigte „gender pay gap“ in Deutschland bei 23,1% und somit weit über dem EU durchschnitt von 16,4%. Bringt man diesen Aspekt mit den Kosten für die Kinderbetreuung zusammen, kann es schnell mal vorkommen, dass der Lohn von den Kita-Kosten aufgefressen wird. Warum soll man da noch Arbeiten gehen?

Wenn unsere Gesellschaft wirklich will, dass die Frauenerwerbsquote steigt, müssen wir auf der einen Seite die Löhne von Frauen denen der Männer angleichen und auf der anderen Seite dafür sorgen, dass Kinderbetreuung stärker bei denjenigen Subventioniert wird, die es wirklich nötig haben.

Das Betreuungsgeld soll (laut CSU) den Eltern die Möglichkeit der Wahlfreiheit erhalten und dafür sorgen, dass sich Mütter und Väter auch dafür entscheiden können ihr Kind zuhause zu betreuen. Genau dieser Anreiz ist allerdings bei der momentanen Einkommensverteilung falsch. Gerade bei Familien mit niedrigem Bildungsniveau und damit einhergehend auch mit geringerem Einkommen kommt der (ich nenne ihn mal) Lohn-Kita-Effekt stärker zum tragen als bei Familien mit höherem Einkommen. Wenn das Einkommen eines Elternteils nur dazu verwendet wird die Kita des Kindes zu bezahlen, nehmen gerade diese Familien das Betreuungsgeld in Anspruch. Damit hätten wir einen fatalen Effekt den auch Esping-Anderson in seiner 2009 veröffentlichten Studie erklärt hat. Der Wohlfahrtsstaat sollte dafür sorgen, dass Kinder mit von Grund auf schlechterer „Ausstattung“ vom Staat gefördert werden. Dabei bezieht er sich vor allem auf Kinderbetreuung und Grundschulen. Ich sage nicht, dass Familien mit niedrigerem Bildungsniveau ihre Kinder nicht fördern wollen. Vielmehr sage ich, dass die Gesellschaft ihnen dabei helfen sollte, dass sie die gleichen Chancen bekommen wie andere Kinder. Es sollten alle bei der gleichen Startlinie los laufen und nicht einige weiter hinten.

Damit hier keine Missverständnisse entstehen. Natürlich können sich auch Männer um die Kinderbetreuung bemühen. Ist eine Familie allerdings in der Situation sich entscheiden zu müssen wer zuhause die Kinder betreut, geht es in erster Linie darum, auf welchem Gehaltszettel eine größere Zahl steht. Schafft man es dieses Defizit auszugleichen bleibt einem die wirkliche Wahlfreiheit ob ein Elternteil die Kinder daheim betreut und wenn ja wer von beiden.

Das Betreuungsgeld ist falsch und es wird auch durch mehr reden nicht richtiger!

Update [5.11.2012]: Der Koalitionsgipfel hat getagt und beschlossen, dass das Betreuungsgeld eingeführt werden soll. Im Gegenzug dazu wird für die FDP die Praxisgebühr abgeschafft. Ein solcher Handel, unfassbar. CDU und FDP hätten Kante zeigen und die CSU auflaufen lassen sollen.

Ein Gedanke zu „Eine Schmähschrift zum Betreuungsgeld

  1. Das Betreuungsgeld hat definitiv nicht überzeugt und ist den Familien ganz sicher alles andere als eine große Hilfe. Das Geld dafür sollte unbedingt in den Ausbau von weiteren Kindergartenplätzen genutzt werden.

Kommentare sind geschlossen.